Voodoo you love?

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Gruppenausstellung von Hildegard Skowasch im Kunstverein Unna am 7. September 2012

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zur Gruppenausstellung von Hildegard Skowasch. Und? Nix und – das ist ja gerade der Witz. Und auch wenn man es als Redner tunlichst vermeiden sollte, Witze zu erklären, so viel sei mir gestattet:
Eine Gruppenausstellung ist für Künstler heutzutage immer nur die zweitbeste aller möglichen Lösungen. Alle wollen sie als Individuum auf dem Sockel und im Rampenlicht stehen – eine Einzelausstellung ist das, woraus man Prestigegewinn ziehen kann. Wenn also jemand seine Einzelausstellung freiwillig "Gruppenausstellung" nennt, muß er oder sie sich etwas dabei gedacht haben. Etwas das über das "Ätsch, reingelegt" hinausgeht. Bei Hildegard Skowasch muß es in etwa folgendes gewesen sein:
Eine Gruppenausstellung präsentiert normalerweise viele Künstler und von jeden ein Werk. Ich kehre das um und mache daraus: Eine Künstlerin – viele Werke. Und zwar möglichst viele auf engem Raum.
Wäre sie Malerin, hätte sie vielleicht die Wände gepflastert wie man das früher tat und wie es heute höchst verpönt ist. In sogenannter "Petersburger Hängung", also Rahmen an Rahmen, dicht an dicht, möglichst ohne ein Fitzelchen bloßer Wand durchscheinen zu lassen. Aber die Künstlerin macht nun mal keine Gemälde, sondern Skulpturen. Also hat sie ein knappes Dutzend von ihnen zu einer Gruppe zusammengestellt, man kann schon sagen: einem dichten Gedränge.
Diese Versammlung menschenähnlicher Figuren läßt die verschiedensten Assoziationen aufkommen. Ist das hier ein stummer Demonstrationszug, eine schweigende Armee, eine Art von Voodooweihestätte oder nur ein Gruppenbild mit Dame? Skandieren sie unhörbar "Wir sind das Volk", singen sie leise "Seven Nation Army", murmeln sie Zaubersprüche oder halten sie nur die Luft an, stehen still bis ein imaginärer Photograph endlich den Auslöser gedrückt hat?
Ein bißchen erinnert die Figurengruppe ja durchaus an so ein Erinnerungsphoto, wie wir es von großen Zusammenkünften kennen, von Hochzeiten, Wandertagen oder Schulabschlüssen.
Ähnlich wie bei solchen Erinnerungsphotos ist das Zusammenkommen der Figuren hier nur temporär, eigentlich sind es alles Individuen – also in diesem Falle einzelne Werke – die auf eigenen Beinen stehen.

Anders als bei solchen Photos geht es hier aber nicht um konkrete Personen. Denn auch wenn die Figuren in der Regel ein Gesicht haben, so hegt Skowasch dennoch keine porträtierende Absicht. Bei allem unterschiedlichen Ausdruck sind die Gesichter doch eher überindividuell und maskenhaft.
Deutlich wird das bei einer Gestalt wie Paula, die ganz eindeutig eine abnehmbare Maske trägt und wo sich hinter dieser Maske – das Bild einer altägyptischen Maske verbirgt, die nicht zufällig an die großäugigen Gesichter von Paula Modersohn-Becker erinnert – aber das führt jetzt zu weit, ist eine Art von Geheimwissen, das die Künstlerin zwar absichtsvoll preisgegeben, dann aber wieder weggeschlossen hat.

Wo waren wir?
Ägypten?
Fahren wir lieber nach Patagonien.
Um an dieser Stelle Ernst Jandl zu paraphrasieren:

ich was not yet
in patagonien
nach patagonien
wulld ich laik du go

wer de wimen
arr so ander
so quait ander
denn anderwo ...

In der Tat ist diese Frauengestalt ziemlich anders:
Eine Skulptur demonstriert (denn was tut sie sonst, wenn sie so viele Schilder an Stecken hoch in die Luft hält?). Sie demonstriert für ihr Recht auf Malerei. Oder für Malerei überhaupt, denn was sie da so hochhält, sind Bilder, gemalte Bilder. Ein Schild trägt ihr Gesicht. Und ihren Namen, "Patagonien". Aber wenn sie ihr eigenes Gesicht hochhält, dann wäre das ja genauso austauschbar wie die anderen Schilderbilder auch, wie die Parolen auf Demonstrationstransparenten. Das Ich also nur ein Platzhalter, ein austauschbarer Wegwerfartikel?
Und Patagonien, das ist doch gar kein Name für einen Menschen, das ist doch eine Gegend in Chile und Argentinien, kurz vor Feuerland? Aber der Name klingt so schön (sagt auch die Künstlerin).
Ja und überhaupt die Figur, die den Rumpf bildet für den Kopf, in den sie fast nahtlos übergeht, dieser Rumpf also ist ja auch nur ein Bild, gemalt auf den Körper der Skulptur, die eher eine Gefäßform hat als etwas anderes, gänzlich ohne Gliedmaßen wie sie ist; weswegen meine Behauptung mit dem Schilderhalten vorhin nicht ganz korrekt war; eher sind die Schilder in die Skulptur gesteckt wie Blumen in eine Vase.
Jedenfalls ist diese eindeutig menschliche Köperdarstellung unterhalb des Patagonienkopfes im Profil wiedergegeben, hat Hände, Füße, Bauch und Po – und sieht dennoch hauptsächlich landschaftlich aus. Eine Landschaft, gehalten in den grellbunten Farben der Kartographen – und von Ferne noch sehr viel mehr erinnernd an die medizinischen Bildgebungsverfahren unserer Tage; wo radiologische und ähnliche Bilder fast nach Belieben eingefärbt werden können, um hübsch bunte, manchmal auch erkenntnisfördernde Bilder vom menschlichen Innenleben zu generieren.
Bei näherer Betrachtung sehen wir, dass die Linien von Patagonien aber viel zu schön sind, um nur irgendwelchen Muskelsträngen, Sehnen oder verzweigten Arterien zu entsprechen, es sind Ornamente aus ihrem ganz eigenen Recht. Und auf ihrem packpapierbraunen Grund schön anzuschauen.
Womit wir endlich zu den fünf – mit Kopf sechs – Bildtafeln kommen. Auf ihnen geht es ebenfalls äußerst farbenfroh zu, überwiegend ornamental, in Zickzacklinien, Karomustern, farbigen Parallelmäandern, mit fliegenden Kreisen und frei schwebenden Linienranken, aber auch schief gestauchten Würfeln, amorphen Flecken neben Pflanzenstudien, fragmentierten Gesichtern und Armen und halben Limetten. Ein bunter, wildbewegter Kosmos, der überwiegend flächig bleibt und nur manchmal räumliche Illusionen heraufbeschwört.

Wo wir schon bei der Malerei sind: Eine andere Figur von Hildegard Skowasch heißt schlicht Maler. Was erst einmal seltsam anmutet, weil die Gestalt weder Kopf noch Arme besitzt, nur einen seltsam undefinierten Rumpf auf zwei Beinen.
Natürlich könnte ich jetzt die Häme des Kunstkritikers ausgießen über all jene Vertreter der malenden Zunft, die weder ihr Handwerk beherrschen noch gar ihren Kopf benutzen für das, was sie tun; jene unreflektierten Pinselschwinger also, die höchstens einen Bauch brauchen, der ihnen sagt, wo‘s langgeht – ich denke aber, so viel kollegenscheltende Gemeinheit ist der Künstlerin fremd.
Man könnte in der Skulptur vielleicht eher ein Mensch gewordenes Gemälde sehen, ein Bild auf zwei Beinen, denn die Figur Maler scheint wirklich ganz und gar aus Farbe aufgebaut zu sein: Aus einer Menge blauer, gelber und vor allem flammend roter Querstreifen (Grün, Rosa und Hellblau tauchen auch auf), über die sich ein dichtes Netz aus dünnflüssigen, senkrechten Farbspuren gelegt hat, verschiedenfarbig auch dies, wenngleich mit viel Dunkelblauschwarz darin. Ein bißchen erinnert das an das Flickenkleid eines Narren, ein wenig sieht es auch aus, als würde das kopflose Wesen in Flammen stehen. Jedenfalls strotzt es in seiner Farbigkeit nur so vor Energie, weshalb ich seine etwas ins Schräge gekippte Körperhaltung und die x-beinige Schrittstellung nicht als unsicheres Wanken sehe, sondern viel eher als einen Ausdruck von Bewegung, ja geradezu tänzerischer Dynamik.

Ein Körper ohne Kopf begegnet uns auch in der Arbeit kopflos, nur dass der Kopf hier noch existiert, allerdings getrennt vom Rumpf, der als dekapitierter daherkommt wie einst der Heilige Dionysius, bekannter unter seinem französischen Decknamen Saint Denis, der, nachdem er das Martyrium durch Enthauptung erlitten hatte, mit dem Kopf unterm Arm noch an die Stelle lief, wo ihm zu Ehren später eine Kirche erbaut werden sollte.

Zum Ausgleich für so viel Kopflosigkeit gibt es in der Gruppenausstellung aber auch einen Kopf ganz ohne Körper, genauer gesagt: einen Doppelkopf, janusgesichtig, mit ornamentalem Untergestell, diesmal nicht schwarzweiß sterngeblümt sondern rot-weiß kariert.

Armlos mag die Figur sein, harmlos ist sie deshalb noch lange nicht. Denn es geht der Künstlerin nicht in erster Linie um die Menschenähnlichkeit ihrer Figuren. Es geht ihr um Farbe, Ornament und Skulptur als dreidimensionales bildnerisches Objekt.
Das merken wir deutlich, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die von Hildegard Skowasch angewandte Materialmischung lenken: Der Hauptbestandteil, Papiermaché, hat etwas geradezu anstößig Armes und Unbeholfenes, mit seinen assoziativen Verbindungen zu Kindergarten und Fastnachtsumzug, ist in seiner beuligen Beschaffenheit von der gleichen uneigentlichen Massivität wie manch früher Claes Oldenburg, hat aber zugleich auch etwas Zartes und Zerbrechliches.
Besonders spannend sind die Details der Oberfläche, die Fremdkörper im Pappmaché: Glas und Draht, Ostergras, Samt, Stecknadeln, Streichhölzer, Wäscheleine, Gips und Knete tauchen auf. Bei der Gruppe der Säulenheiligen im Miniaturformat, also den Souvenirs nebenan, geht es sogar noch wilder zu, da finden sich neben Schlüsselschild und Pinnwandnadeln auch Glöckchen, Strohhalme und Puzzleteile.

Und doch: Der möglichst merkwürdige Materialmix, das Wechselspiel von Farbe und Oberflächenbeschaffenheit in der dritten Dimension ist nicht alles. Die Augen und Gesichter, überhaupt alle Anklänge an die menschliche Figur sind wichtig und wesentlich – weil man sich durch sie als Betrachter gar nicht davon freimachen kann, sich unmittelbar und direkt angesprochen zu fühlen.

Bisweilen sogar bedrängt, wenn man, wie hier, konfrontiert wird mit der geballten Wucht einer ganzen Armee von Skowaschskulpturen.
Oder aber eingeladen, sich einzulassen auf diese fremden Wesen, die ihre bunten Muster und maskenbewehren Köpfe zur Schau stellen, wie Menschen ihre neuen Kleider und ihr fröhliches Sonntagnachmittagsausgehgesicht. Darunter lauern Widerborstiges, Abgründe und Verletzungen. Womöglich erzählen die Figuren mit ihren geborgten Gesichtern von der Zerbrechlichkeit dessen, was wir Identität nennen. Womöglich erzählen sie auch ganz andere Geschichten.
Hören wir gut zu.

Stephan Trescher

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