Zu den Objekten von Hildegard Skowasch

Doch was kann ich über sie sagen? Sie waren weder schwarz noch weiß und ganz gewiß auch von keiner Farbe zwischen diesen beiden; sie waren alles andere als dunkel und schon gar nicht hell. Aber merkwürdigerweise war es nicht ihr beispielloser Farbton, der meine Aufmerksamkeit am stärksten beschäftigte. Sie hatten noch eine andere Eigenschaft, die bewirkte, daß ich sie mit wilden Augen, trockener Kehle und atemlos betrachten mußte. Ich kann den Versuch nicht unternehmen, diese Eigenschaft zu beschreiben. Noch viel später verbrachte ich Stunden damit, mir darüber klarzuwerden, warum diese Artikel erstaunlich waren. Ihnen fehlte ein wesentlicher Bestandteil aller bekannten Gegenstände. Form oder Gestalt kann ich es nicht nennen, denn von Gestaltlosigkeit rede ich gar nicht. Ich kann nur sagen, daß diese Objekte, von den keines dem anderen glich, keine bekannten Dimensionen besaßen. Sie waren weder vierkantig noch rechteckig oder rund oder einfach unregelmäßig geformt, noch konnte man sagen, daß ihre endlose Vielfalt auf dimensionalen Unterschieden beruhte. Schon ihr Aussehen, falls dieses Wort nicht unzulässig ist, war durch das Auge nicht erfaßbar und auf jeden Fall unbeschreiblich. Das mag genügen.

Flann O'Brien
Der dritte Polizist
Frankfurt/M. 1991

Nicht nur die fantastische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, auch die bildende Kunst wird bestimmt durch die Suche nach dem fremden - unbegreiflichen und unbeschreiblichen - Objekt. Diese Suche wird, im Bewußtsein ihrer eigenen Vergeblichkeit, von der Erkenntnis getragen, daß man dem Vertrauten kaum entrinnen kann.

Die Kunst, die den realen Gegenstand zum Anlaß ästhetischer Uberlegungen macht, entwickelt mit ready made und objet trouvé Verfremdungsstrategien des alltäglichen Gegenstands. Der in den Warenverkehr und in den zweckmäßigen Gebrauch eingebundene Gegensand wird damit frei zur ästhetischen Aneignung.

Bei den Objekten von Hildegard Skowasch findet man zunächst einen Korpus, der in einem „traditionellen" plastischen Prozeß aus Papier und Kleister entstanden ist. Er trägt die Spuren der formenden Hand. Darüberhinaus aber werden bekannte Versatzstücke aus der Alltagswelt - Tapete, Plastikrohre, Möbelteile - integriert. Das Verhältnis der zueinander gefügten Teile erzeugt einen eigentümlichen Eindruck: Die Erinnerung an eine funktionale Apparatur und zugleich an den menschlichen Körper läßt Mutanten, allerdings ohne Urbild, entstehen. Die zur Untat geronnene Schwerfälligkeit und das Fehlen jeglicher Vorstellung eines möglichen Zwecks dieser Objekte erzeugt Neugier angesichts ihrer Fremdheit, aber ebenso eine Rührung angesichts ihrer lächerlichen (anthropomorphen) Form. Die dialektische Beziehung zwischen Fremdheit und Vertrautheit ist hier zum künstlerischen Thema geworden.

Eva Schmidt

<< zurück zur Texteübersicht