Hildegard Skowasch - Arbeiten im großen Format

Hildegard Skowasch läßt überdimensionierte Objekte entstehen, die durch ihre Formen und ihre leuchtenden Farben an riesiges Spielzeug oder Gebrauchsgegenstände aus Plastik erinnern. Durch das große Format wird uns aber auch das Gefühl vermittelt, aus einer kindlichen Perspektive heraus diesen Arbeiten zu begegnen. Wo Kinder alles viel größer und unmittelbarer wahrnehmen, steht bei Erwachsenen Relativierung und Distanz solch einem Erleben entgegen. Diese Ambivalenz zwischen unmittelbarer und distanzierter Wahrnehmung macht sich Hildegard Skowasch zu eigen, indem sie ihre Arbeiten auf Konfrontation mit dem Betrachter ausrichtet.

Dies beginnt schon bei der Materialität. Der Grundkörper einer jeden zunächst äußerst künstlich wirkenden Arbeit besteht aus grob gerissenem und verklebtem Papier und nicht aus Plastik oder Kunstharz. Alle bei der Herstellung aus Papier auftretenden Unebenheiten sind von Hildegard Skowasch gezielt als Spuren der Handarbeit belassen worden. Der künstlerisch-handwerkliche Prozeß wird nicht bis zur Negierung persönlicher Aspekte perfektioniert, sondern er konserviert diese in all ihrer Ungefälligkeit. Auch abstrahierte Formen erhalten so einen organischen Charakter.

Mit einer kräftigen Lackschicht versehen verleiht Hildegard Skowasch ihren Plastiken eine gespannte, häufig glänzende Oberfläche. Dadurch kommt eine Haut zustande, die, indem sie einen Hohlraum umschließt, zugleich diesen Körper definiert. Neben den beiden Komponenten Papier und Lack werden diese Plastiken häufig durch ein drittes Element mitbestimmt. Hierfür bevorzugt sie industriell gefertigte Teile aus Plastik oder Metall.

Die eigentliche Form der Plastik wird zur Präsentationsfläche für ein, uns aus dem Bereich der Alltagskultur vertrautes, industrielles Produkt, indem sie den Grundkörper mit einer Vielzahl davon besetzt.

Bei der "Das Normale verpassen" betitelten Arbeit ist dies eine Lenkrolle, wie sie normalerweise unter Teewagen und Fernsehtische geschraubt wird. Hildegard Skowasch befestigt einhundertzwanzig Lenkrollen rundherum an einer fast drei Meter langen blauen Röhre aus Papier. Da die Rollbarkeit durch die runde Form der Röhre schon gegeben ist, bedarf es aus funktionalen Gründen eigentlich nicht der Anbringung von Rädern. So entsteht ein neuer Gegenstand, dessen funktionale Elemente trotz technischer Nutzbarkeit zu reinen Ornamenten werden und eine absurde Pseudofunktionalität demonstrieren.

Ähnlich verfährt Hildegard Skowasch bei einer großen grünen Arbeit (ohne Titel), in deren Oberfläche mit Deckeln verschlossene, weiße Plastikbecher gesetzt sind. Diese Becher werden eigentlich als Lebensmittelbehälter benutzt. So drängt sich die Frage auf, ob sie auch im neuen Kontext als Behälter fungieren, ob die Künstlerin etwas in sie hineingetan hat. Das ganze Objekt sieht wie ein weiß-grüner Becherberg aus oder wie ein riesengroßer Vielfachbehälter ? Diese Plastik von Hildegard Skowasch scheint uns dazu aufzufordern, den Becherinhalt zu überprüfen.

Die Ambivalenz zwischen der alltäglichen Vertrautheit der benutzten Dinge, wie Rolle, Becher, Wäscheleine und ihrer Verwendung, die eine Verfremdung der Dinge bedeutet, macht neugierig.

Rosemarie E. Pahlke

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