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Installation im "Kentler International Drawing Space", Brooklyn NY 2000

Hildegard Skowaschs Installation im Kentler International Drawing Space verbindet die Fragilität des Papiers mit der Fragilität des lebenden Organismus. Mit leichter Hand und Humor schafft ihre Arbeit eine Welt der Umkehrung innen ist außen, das Unsichtbare ist sichtbar, das Winzige wird vergrößert, das Dreidimensionale wird flach.

Einige Kunstrichtungen bringen uns dazu Fragen zu stellen. Andere Kunstrichtungen ziehen die erzählerischen Fähigkeiten des Bildermachens vor. Der Zugang zu Hildegard Skowaschs Arbeiten geht durch den Bauch. Die Freude bei der Betrachtung durchdringt die Wahrnehmung und führt zum Nachdenken.

Der Besucher betritt die winzige Galerie und wird begrüßt von Formen aus Papiermaché, die mit farbigen Süßigkeiten belebt sind. Die Kunstwerke passen sich dem menschlichen Maß an: ein Objekt wie eine Handtasche, hergestellt aus zerknülltem Papier. Der fast runde Körper ist umgürtet von vielen Anhängseln, die wie Griffe aussehen. Dahinter direkt an die Wand gezeichnet ein grober Umriss eines Zylinders, während um die Ecke herum kleine rote Zuckerapfelringe und ein rotes Papierquader die Wand hochlaufen.

Jedes Teil ist mit dem anderen verbunden, mal sind sie nebeneinander, mal schießen sie quer; hier gehen sie über eine gemeinsame weiße Leine, dort teilen sie die Hintergrundzeichnung. Auch die Steckdosen sind in die Installation einbezogen. Michel Foucault diskutiert die Idee der „convenientia“ grob übersetzt mit „passen zu“, „in der Nähe von“. Dinge passen zueinander, wenn sie ähnlich genug sind um nebeneinander zu stehen und ihre Eigenschaften zu teilen. Die Bedeutung dieser Beziehung ist nicht die physische Nähe, sondern die weniger sichtbare Affinität, die durch das Nebeneinander ins Bewusstsein gebracht wird. Foucault erklärt, dass „das Nebeneinander keine äußerliche Verbindung zwischen Dingen ist, sondern das Zeichen einer Beziehung, so unklar sie sein mag“.

Die Nähe der Objekte zueinander erhellt die Beziehungen, die zuvor im Dunkeln lagen. In den Objekten werden Verstrickungen und Verknüpfungen der zuvor unzugänglichen Kunstkonzepte und des Kunstschaffens manifest. Objekte gleichen hängenden Ranken und erinnern an die organischen Formen Eva Hesses, aber ohne die „Angst“. Ein gerahmtes Bild hängt an der Wand, es ist bedeckt mit Packpapier, das jegliches Bild unsichtbar macht. Auf der anderen Seite des Raumes strömt ein Knäuel orangefarbener Schnüre wie Wasser auf den Boden. Sie explodieren aus einem Papierobjekt, wie aus einem Stromkasten, anschließend fließen sie in Windungen über den Boden und wickeln sich um zwei Bilderrahmen, die dort in der Nähe stehen. Ein Raum mit visuellen Zweideutigkeiten und doppeltem Boden.

Diese Affinitäten gehen über die Objekte des Raumes hinaus. Skowasch bezieht den Raum selbst mit ein, um ihn als Organismus zu zeigen. Und auch der Betrachter ist darin einbezogen. So wie in Foucaults „convenientia“ haben die von Skowasch geschaffenen Zusammenhänge viel mit dem Raum zu tun, in dem sie existieren und nicht nur mit den Dingen an sich. Der Betrachter fühlt, dass die Kunst an ihn gerichtet ist, ihn willkommen heißt, dass der Raum eingerichtet ist, ein Gehäuse für den Betrachter. Die Künstlerin sagt, dass ihre Installation „etwas Neues sei, eine Erfahrung“. Die Galerie ist nicht nur ein Ort um Kunst zu zeigen, sondern wird selbst zur Kunst, bezieht den Betrachter in das Werk mit ein und wird somit kinetisch.
In großem Bogen führt Skowasch den Prozess des Kunstmachens und der Kunstwahrnehmung zurück zum Körperlichen, zum Spielerischen, zu Wachstum und zu Veränderung und letztendlich zu Nicht-Existenz. Die Materialien: Papier, Süßigkeiten, Bindfaden erinnern an die kurzlebigen Dinge der Kindheit und durch diese Assoziation an die Vergänglichkeit des Lebens überhaupt. Skowasch hat bewusst Dinge geschaffen, die ihre zeitliche Unbeständigkeit in der Vordergrund stellen. Sie haben kein bedeutendes Gewicht und verstecken ihre behelfsmäßige Erscheinung nicht. Anders als teure Porzellane und Kristalle, die zeitbeständig sind, können diese Papier-Ephemeren kaum überdauern, man wird sie weder wertschätzen noch bewahren, sie sind leicht zu zerreißen und zerfallen. Ihre Anwesenheit lässt zugleich an die Existenz und die ihr innewohnende Zerstörung denken. Parallelen zum menschlichen Organismus erscheinen vor dem Auge des Betrachters.

Skowasch gibt ihren Objekten eine zerbrechliche Haut und vielfältige Assoziationen, die nicht auf die Außenwelt anspielen, aber einen Blick auf etwas Inseitiges anbieten, einen Platz, wo Kunst und Organismus, Betrachter und Betrachtete sich schließlich alle treffen.

Leonore Metrick

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