Von der Absurdität des Seins

Ulrike Krautheim über die Pappmachée-Wesen von Hildegard Skowasch

Wie Wesen aus einer anderen Welt sehen sie aus: die knallfarbigen Pappmachée-Objekte von Hildegard Skowasch.

Lebendig sind sie, von kräftiger Farbigkeit. Der Glanz der Lackfarbe weist freilich auch auf Künstlichkeit. Das ist die laut schreiende Sprache der Werbung. Popkultur kommt uns in den Sinn. Künstliche Lebendigkeit?

Lebendig sind sie in ihrer organischen Form, unregelmäßig bewegt in der Oberfläche, "gewachsen" nach einer ihnen eigenen Gesetzmäßigkeit.

Nicht ganz Kugel oder Halbkugel, Tonne oder Quader, der stereometrischen Grundform eher zufällig angenähert, erscheinen die großen, in sich ruhenden Formen, die Sockel oder Träger für ganz anders geartete Gegenstände sind.

Unebenheiten in der Oberfläche ergeben sich aus dem handwerklichen Prozeß, den vielen überlagerten Arbeitsgängen von grob gerissenem und übereinandergeklebtem Papier. Faltig Knittriges verstärkt den Eindruck von gerade noch bewegter, eben erstarrter Flüssigkeit.

Die äußere Haut aus Papier und Lack- oder Dispersionsfarbe gibt das Innere der Pappmachée-Wesen nicht preis. Verschlossen bleibt uns ihr tatsächliches Innenleben, der statisch erforderliche Aufbau aus Draht, Steinen, Papier. Nicht einsehbar bleibt die Gesetzmäßigkeit, der sie gehorchen, nach der sie erschaffen oder "gewachsen" sind.

So ist Kalkulierbares und wohl Berechnetes, wie es in der Mehrheit unser Leben bestimmt, ausgeschlossen?

Aber nein, wohl Bekanntes aus unserer Alltagswelt ist zu entdecken:

Nettes aus der Kinderwelt, wie Ostergras oder bunte Gummibälle, Praktisches aus unserem Alltagsleben, wie Möbelrollen, Kabelstecker oder Plastikschläuche.

Seit Duchamps Readymades erschrickt hierüber kein Kunstbetrachter mehr und jeder hat die Möglichkeit, Beruhigendes - weil Altbekanntes - in den Pappmachée-Wesen zu entdecken.

Doch wir, die es gewohnt sind, als erstes Sinn und Zweck von Gegenständen, Einrichtungen, Betätigungen etc. zu erfragen, vermissen den logischen Funktionszusammenhang zwischen den Dingen. Technische Industrieprodukte, wie wir sie täglich verwenden, sind vollends ad absurbum geführt.

Welchen Sinn haben Elektrokabel und -stecker ohne Steckdose und Glühbirne?

Was machen Möbelrollen an einem Gegenstand? Weshalb sind sie nicht nur auf der Unterseite, sondern an den Seiten, oben - rund herum angebracht?

Oder: Braucht ein Wurm überhaupt einen rollenden Untersatz? Hier wird Technik zum Ornament.

Auch andere Realitäten "stimmen" nicht.

Wer hätte je einen drei Meter langen Wurm gesehen? Von blauer Farbe?

Vermittelt uns die Umkehrung von Perspektiven einen "kindlicheren" Blickwinkel?

Wozu thront ein in sich geschlossener Plastikschlauch auf einer überdimensionalen "Torte"?

Und Papier als solches? Organische Substanz? Durch die Schichten von Dispersionsfarbe läßt sie sich erspüren. Die Lackfarbe hingegen verdeckt alles. So wie das Innenleben der Papierwesen verborgen bleibt, so verschließt sich dem Betrachter auch deren wahre Materialität.

Gezielte Kontraste und konsequente Konfrontationen in der Farbe und Maßstäblichkeit, im Material und in der Funktion lassen surreale phantastische Wesen entstehen.

Vor allem die vermeintlich vertrauten Alltagsgegenstände, systematisch ihrer eigentlichen Funktion beraubt, lösen Irritation und Befremden aus - und eröffnen gerade dadurch dem aufgeschlossenen Betrachter neue Sichtweisen. Manchmal weisen die Titel der Arbeiten darauf hin: "Das Normale verpassen" nennt Hildegard Skowasch ihre 2,80 Meter lange mit 120 Lenkrollen bestückte blaue Röhre. "Fine Romance" oder "Seestück" muntern in ihrer Leichtigkeit und leichten Widersprüchlichkeit zum so betitulierten Objekt zu entsprechenden Assoziationen auf. Festlegen sollen uns die Titel nicht, eher inspirieren.

Einen gewissen Witz lassen die Titel obendrein vermuten: "Fine Romance" ist die Artikelbezeichnung der verwendeten Tapete und spiegelt gleichzeitig den postischen Charakter des Objektes wieder, wohingegen "Seestück" tatsächlich ein Stück See mit zwei halb versunkenen Bällen darstellt.

Konfrontationen waren stets das Anliegen von Hildgard Skowasch. Seit zehn Jahren arbeitet sie mit Papier und hat es konsequent nie materialgerecht und pur verwendet.

Ihrer eigenen Welt, den amorphen behäbigen Grundformen aus geschlossenen, mit dichter Farbe überzogenen Papierhäuten, fügt sie die Außenwelt in Form seriell gefertigter Industrieprodukte aus Metall oder Kunststoff hinzu. In diesem Aufeinandertreffen von eigener innerer Welt und technisch industrieller Außenwelt entstehen Kunstwesen von fremdartigem und gleichzeitig vertrautem Charakter. Absurdität oder Spiegel des ganz normalen Alltags?

Innen/Außen, Organisches/Künstliches, Individuelles/seriell Gefertigtes - das Unvereinbare zu verschmelzen, darin liegt der Witz und gleichsam die Tragik der Wesen der Hildegard Skowasch. Ihre Objekte haben eine Seele, die sie ihnen eingehaucht hat und die wir in der Betrachtung wieder zum Leben erwecken können.

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