Renate Neuser, Hildegard Skowasch - Komplott
Forum Kunst und Architektur, Essen
Rede zur Eröffnung, Sonntag 17.3.2013

Künstlerische Kollaborationen scheinen in diesen Tagen Konjunktur zu haben. Die vielen Ausstellungen, die in ihrem Titel den Begriff "Dialog" oder ähnlich klingende Formeln transportieren, tun dies, um darauf hinzuweisen, dass sowohl die Kunst als auch die Künstler als Teil eines umfassenden Netzwerks zu sehen sind, das von wechselseitigem Austausch, von gegenseitiger Beeinflussung, Reaktion und Gegenreaktion geprägt wird.
Wirklich neu ist dieses Thema natürlich nicht. Die Kunstgeschichte kennt zahllose Beispiele künstlerischer Zusammenarbeit, von Robert und Sonja Delaunay über Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bis hin zu Beispielen aus jüngster Zeit wie die vierköpfigen Künstlergruppe "Inges Idee". Deren Ziel ist es, in der gemeinschaftlichen Entwicklung, Erörterung und letztendlich auch Verwerfung von Konzepten einen Testlauf der Ideen in Gang zu setzen, der häufig zu unkalkulierbaren Ergebnissen führt, die sowohl die Einzelkünstler als auch die gesamte Gruppe immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.

Eine vertrauensvolle Hingabe an den Prozess des gemeinschaftlichen künstlerischen Arbeitens ist an ganz bestimmte Grundkomponenten geknüpft. In Schlagworte verpackt lauten diese: Zuhören, Respektieren, sich selbst Artikulieren. Damit ist gesagt, dass das schweigende, sich selbst zurücknehmende Einlassen auf das Andere ebenso unabdingbar für derartige Zwiegespräche ist wie das Erkennen, Beobachten und Reflektieren eigener Gedanken, Emotionen und Reaktionen.
Der Eintritt in einen Prozess der angestrebten Kollaboration ist also untrennbar verbunden mit einer intensiven Form der Selbstreflexion, der Selbstbefragung und des Selbstzweifels, der probeweisen Infragestellung der eigenen Haltung, an deren Ende aber eine Belohnung in Form der Erweiterung des eigenen Horizontes und der Erkenntnis über den Wert des wie auch immer gearteten Anderen winkt.

Zwar wird das kollaborative Miteinander von Künstlern nicht selten praktiziert, den kultivierten Mechanismen des Kunstmarktes scheint diese Form der künstlerischen Zusammenarbeit jedoch nicht zu entsprechen. Der Markt fördert und mystifiziert den Kult des Einzelkünstlers. Geld lässt sich mit Kunst nur dann verdienen, wenn man mit dem Werk auch ein einzigartiges Gesicht verbinden kann. Gelingt diese Konstruktion, steht das Kunstwerk für die geniale Schöpfung eines Einzelnen, für die individuell-mächtige Schöpferkraft des Individuum, dessen Werk sich als Unikat erweist und sich somit von der Welt der anonymen und beliebigen Reproduzierbarkeit von Bildern und Ideen wirksam abhebt. Globale Künstlerrankings, Grossaustellungen und Events rund um die Kunst scheinen dies - trotz der zeitweise beschworenen "multiplen Autorenschaft" zu bestätigen.
Vernetzung ja, und wenn es geht auf allen Ebenen. Ein Rückzug in kollektive künstlerische Produktions-, Präsentations- und Vermarktungsstrukturen aber bitte nicht!

Nun haben Hildegard Skowasch und Renate Neuser eine Ausstellung entwickelt, die geschickterweise verschiedenen Ebenen künstlerischer Tätigkeit miteinander verknüpft. Wir begegnen in dieser Ausstellung sowohl Einzelarbeiten der beiden Künstlerinnen, als auch Gemeinschaftsarbeiten in Form von Zeichnungen und kleineren Objekten.

Der bewusst gewählte Titel der Ausstellung, "Komplott", steht dem Wortsinn nach zunächst für Begriffe wie Intrige, Machenschaft, Aufstand, Unterwanderung und hinterlistige Meuterei oder Rebellion. Komplott bedeutet aber auch eine Art geheimbündlerische Konspiration, die geheime Zusammenkunft von Personen und Ideen abseits der Öffentlichkeit.
Und in der Tat könnte man das, was sich seit 2005 mit der Zusammenarbeit beider Künstlerinnen äußert, in einen derartigen Zusammenhang bringen.
"Farbe +" hieß damals eine Ausstellung im Kunsthaus Essen, die beide Renate Neuser und Hildegard Skowasch erstmals zusammenbrachte und aus dieser Begegnung die Idee aufkeimen ließ, neben ihrer eigenständigen Arbeit den Versuch zu wagen, gemeinschaftlich künstlerisch tätig zu werden.
So entstanden Zeichnungen, die über den Postversand zwischen Berlin, dem aktuellen Wohnort von Hildegard Skowasch, und Essen, dem von Renate Neuser, hin- und herwanderten. Es sind Zeichnungen, die ein Bildergespräch dokumentieren, ein Frage- und Antwortspiel, das sich über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt hat und sich mit farbigen bzw. schwarz-weissen Dialogmustern artikuliert. Die Zeichnungen liefern Anlässe für Fragen, Antworten und Gegenfragen. Sie zeugen von der Emotionalität im Zuge ihrer Entwicklung, von gegenseitiger Rücksichtnahme, von dem Versuch, Fläche und Linie miteinander zu vereinen.
Andere Herausforderungen stellten sich mit der gemeinschaftlichen Arbeit an den ebenfalls in dieser Ausstellung präsentierten Objekten. Es sind Objekte, die einen eigenwilligen poetischen Glanz ausstrahlen, Objekte, die ein Geheimnis in sich tragen, ein Geheimnis, das sie abgrenzt von der banalen außerkünstlerischen Realität der puren Materialanhäufung. Es sind Objekte, die ihren besonderen Reiz aus der Verwendung und Transformation von Realitätspartikeln ziehen. Merkwürdig sinnentleerte Gestaltungen, die aber dennoch durch den spielerischen Umgang mit dem Material Anlass zu einer Fülle unterschiedlicher Assoziationen liefern. Die Herkunft der Materialen bleibt dabei durchaus erkennbar und bietet in der Verwendung überraschende Erfahrungsmöglichkeiten. So ist der schwarze Kopf einer Comicfigur kombiniert mit einer gitterförmigen Struktur, die mit dem Satz "close your eyes" die paradoxe Aufforderung an den Betrachter formuliert, eben nicht oder nicht länger das Kunstwerk anzschauen, sondern sich seinen inneren Bildern hinzugeben. Ein weiteres hellblau gefärbtes Gebilde erscheint als Behältnis für bunt gefärbte Schmetterlinge, die sich in dessen Öffnungen niedergelassen haben, um damit der scheinbaren Funktionalität des Sockels eine schwebende Leichtigkeit zu verleihen. Schließlich trifft man noch auf ein teilnahmslos blickendes Gesicht, das aus einem blau gefärbten Kokon seltsam in sich gekehrt ins Leere zu blicken scheint.

Die Betrachtung dieser Gemeinschaftsarbeiten führt uns in Verbindung mit der Annäherung an die ebenfalls in dieser Ausstellung platzierten Einzelwerke vor Augen, welche Merkmale sich als charakteristisch für die jeweils individuelle Formensprache von Hildegard Skowasch und Renate Neuser erweisen und was darüber hinaus bzw. wie viel von ihrer künstlerischen Eigenständigkeit vermutlich eingeflossen ist in den Prozess des gemeinsamen Produzierens. Mit einem quasi hintergründigen Manöver oder Komplott der beiden Künstlerinnen wird allerdings die letztgültige Identifizierbarkeit des jeweils eigenen Anteils am Entstehungsprozess der Zeichnungen und Objekte elegant umschifft. Dies herauszufinden, um sich dabei aber unter Umständen auf die schiefe Bahn fälschlicher Zuschreibungen und Einordnungen zu begeben, bleibt Aufgabe des Betrachters.
Anhaltspunkte dafür liefern Beobachtungen, die man an dem jeweiligen Ausdrucksvokabular von Renate Neuser und Hildegard Skowasch festmachen kann.

Das plastische Werk von Hildegard Skowasch kreist um die Idee des Körpers. In ihrem Gesamtwerk findet sich bis etwa 2005 eine Vielzahl von starkfarbigen, objekthaft gedachte Gebilde, die sich standhaft einem konkreten Nutzen verweigern und damit den Betrachter in seinem Realitätsverständnis grundlegend irritieren. Das Material dieser manchmal organisch gerundeten, mit bizarren Auskrakungen und Auswüchsen versehenen, dann wieder gitterhaft durchbrochenen Objekte besteht aus Papier, Bindfaden, Farbe, Wachs Glas, zuweilen Weigummi, Plastikbechern und Knetmasse.
Ab 2006 tauchen dann erste Gesichter auf, menschliche Figuren, die manchmal als Selbstbildnisse deklariert werden und einen werkimmanente Hinwendung von den amorph-abstrakten Objekten hin zu einer gestalterischen Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur dokumentieren. Die künstlerische Fokussierung auf das Figürliche geht dabei einher mit einer stärkeren Bezugnahme auf den Betrachter, der eine direkte Bindung zu den Figuren aus Pappmaschee aufbaut und sich selbst in der Betrachtung als körperliches Wesen wahrnimmt. Dabei konfrontiert die Künstlerin den Betrachter mit Wesen, die sich in einer Art Transformationsprozess zu befinden scheinen. Die Oberfläche dieser Körper verweist auf die handwerklichen Spuren der Gestaltwerdung, die papierne Haut ist nicht geglättet, sondern weist Ecken, Falten und Einkerbungen auf. Die von den Extremitäten vollführten Gesten scheinen den direkten Kontakt zum Betrachter suchen zu wollen. Kombiniert mit Titeln wie "Mr. President" gelingt der Künstlerin ein quasi geliehener Realitätsbezug, der die Asdruckswirksamkeit ihrer Gestaltungen allerdings nie einschränkt oder linear verkürzt, sondern eine leicht ironische Färbung in die Figuren einflissen lässt. Manchmal sind es geradezu körperlose Kopfwesen, Wesen, die den Sinn ihrer Existenz ausschließlich in sich tragen, und zugleich eine unheimliche Vertrautheit wie gleichzeitig Fremdheit ausstrahlen.

Renate Neuser sagt über ihre Arbeit, dass sie das Ungewöhnliche, Schöne, Hässliche, Geheimnisvolle und Sinnliche von Material zum klingen bringen möchte. Ihre Gebilde tragen seltsam klingende Namen wie Butonia, blingbling, Flugqualle, oder Phantasiebezeichnungen wie Corallus Manus, um damit einen eigenen Kosmos aus Objekten und deren Bezeichnung zu kreieren. Immer wieder finden sich Fundstücke banaler Art und Herkunft wie Stühle, Kommoden und Tische, die zu Sockeln oder Behältnissen für skurrile, phantastische Gestaltungen umfunktioniert werden. Hinzu treten Materialien, die in jedem Baumarkt gebräuchlich sind. Kabelbinder, Kunststoffe, Glasformen aus denen im Zuge eines künstlerischen Transformationsprozesses Wesen von seltsam fremder, faszinierender Schönheit entstehen. Wesen, die ihre Herkunft verschleiern und aus einer anderen Welt an die Oberfläche des Sichtbaren gelangt zu sein scheinen. Gebilde, mit denen die ungreifbaren inneren Welten zur Form gerinnen. Der spielerisch-Assoziative Umgang mit den unterschiedlichen Materialien weist dabei der Künstlerin den Weg hin zur letztgültigen Gestaltung. Die Materialien erleben handwerkliche Veränderungsprozesse, werden umgedeutet, aus ihren gewohnten Funktionszusammenhängen herausgelöst und derart miteinander kombiniert, dass daraus neue Wesenheiten entstehen. Diese fremdartigen Lebewesen wecken Assoziationen an bereits bekanntes, wenngleich ihre organoiden Formen eher verborgenen Welten zu entstammen scheinen. Es sind erdachte Lebewesen, aus erdachten Welten entsprungen, aus Welten aber, die dennoch in Kontakt zu unserer eigenen Lebenswirklichkeit stehen, und sei es die Wirklichkeit des Traumes, der verborgenen Ängste und Emotionen, der Tagträume und überreizter nächtlicher Schlaflosigkeit.

Die hier vorgetragenen Erkennnisse über die Eigenständigkeit der Formensprache von Hildegard Skowasch und Renate Neuser mögen uns als Betrachter die Identifizierbarkeit der Handschriften innerhalb der Gemeinschaftsarbeiten erleichtern. Die gemeinschaftlich erarbeiteten Zeichnungen und Objekte stehen jedoch primär für sich selbst und zeugen von einem künstlerischen Gestaltungspotenzial, das sich nur so – im Dialog mit dem Anderen – artikulieren kann. Damit entsteht ein Freiraum von Möglichkeiten künstlerischer Kreativität, die selbst immer wieder andere, als die gewohnten Grundlagen ihrer Entfaltung zum Ausgangspunkt nimmt. Damit steht die Kunst für ein Risiko, sich immer wieder selbst neu zu erfinden, unbekannte Wege zu beschreiten, Neues auszuprobieren und damit in bestem Sinne unkalkulierbar zu bleiben.

Uwe Schramm

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