Das Normale verpassen...

Auf den allerersten Blick wirken die Objekte von Hildegard Skowasch, als seien sie bloße Vergrößerungen von Gebrauchsgut, so wie sie auf Wagen von Karnevalsumzügen Verwendung finden, wo mit dem verfremdenden Mittel der Vergrößerung karikierende Wirkungen erzeugt werden sollen. Auch an vergrößertes Kinderspielzeug oder an die sonderbaren Figuren, wie sie durch Vergnügungsparks, Disneyland usw. laufen, z.B. Riesenfrüchte, Bananen, Erdbeeren, Tomaten ist dabei zu denken. Ferner haben diese Objekte eine gewisse Verwandtschaft zu Displays, also Objekten, die ihrerseits der Präsentation von Dingen dienen. In der modernen Warenhauswelt begegnen wir an allen Ecken und Enden solchen Figuren aus Pappe oder Holz, die z.B. Prospekte zum Mitnehmen offerieren...

Aber schon ein kurzes, genaueres Hinsehen macht deutlich: Die Objekte von Hildegard Skowasch sind nicht zum direkten Gebrauch bestimmt, sondern sie gehören in den Bereich der Bildenden Kunst. Mit dieser Erkenntnis ist eine andere Ebene angesprochen, eine Ebene, auf der zur ersten Orientierung Vergleichsmöglichkeiten zu finden sind. Als solche Vergleichsobjekte kommen Werke aus der Pop-Art und insbesondere die des amerikanischen Künstlers Claes Oldenburg in Frage.

Oldenburg hatte seit den 60er Jahren Werkzeuge oder auch Lebensmittel in überdimensionierten Formen aus Kunststoff nachgebildet, aber im Gegensatz zu Oldenburg simulieren die Objekte von Hildegard Skowasch nicht andere Dinge, sie bilden keinen Schinken, keinen Spaten, keinen Joghurtbecher nach, sie verwenden allenfalls Teile wie Joghurtbecher oder Metallrollen oder eine Schranktür oder eine Plexiglasscheibe, um daraus ganz andere Formen zu kreieren.

In der Pop-Art gab es zwar kein einheitliches Manifest, das alle Künstler unterschrieben hätten, aber eine Gemeinsamkeit, die weltweit wirkte, gab es doch: Das Anrennen gegen den sogenannten "Guten Geschmack". Etwas von dieser Rebellion gegen das Hergebrachte haben auch die Arbeiten von Hildegard Skowasch - dies verbindet sie mit der Pop-Art; aber ansonsten sind ihre Formbindungen doch völlig frei und losgelöst von irgendwelchen Dingen des Alltags entstanden und konterkarieren und persiflieren damit alle Vorstellungen von Benutzbarkeit ihrer "Gebrauchsgeräte".

Zu diesem freien Umgang mit den Wirklichkeiten des Alltags gehört auch, daß ihre riesigen, vom Betrachter immer als überdimensioniert empfundenen Objekte nicht aus Stabilität verheißenden Materialien wie Metall oder Kunststoff gefertigt sind, sondern lediglich aus gerissenem Papier bestehen, das zusammengeklebt und mit Lack- oder Dispersionsfarbe überzogen ist. Die Objekte täuschen damit eine Stabilität (und auch Gewicht) vor, die sie nicht besitzen und bruchstückhafte Fundstücke aus dem "richtigen", dem Alltagsleben (eine Schranktür, eine Plexiglasscheibe, Stecker und Steckdosen, Tischtennisbälle, Metallrollen, Joghurtbecher etc.), die mit diesen Papierobjekten in Verbindung gebracht sind, verstärken diesen falschen Eindruck. Aufgrund der Materialkombination ergibt sich eine frappierende Wechselwirkung: die an sich banalen Gegenstände aus dem Alltag geraten in einen formalen Zusammenhang, in dem sie fremd sind; sie dringen in den Bereich der Kunst vor und sollen sich dort in einem ästhetischen Kontext behaupten. Umgekehrt bringt die Kombination mit Alltagsgegenständen die künstlichen Gebilde, die von der Künstlerin geformten Objekte, in ein Spannungsfeld, in dem sie sich ihrerseits behaupten müssen.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts "erfand" Marcel Duchamp mit der Aufstellung eines gewöhnlichen Flaschentrockners, wie sie in allen französischen Bistros und Restaurants damals verwendet wurden, im Museum eine neue Art der Kunst, die inzwischen vielfache Veränderungen erfahren hat: das "ready made". Hildegard Skowasch verwendet solche "ready mades" aus dem Alltag in der Kombination mit ihren eigenen Formfindungen und aus dieser Spannung zwischen der eigentlichen Benutzbarkeit der ready made-Elemente und der reinen Formfindung der Künstlerin erwächst ein wichtiges Element ihrer Arbeit.

So baut die Künstlerin aus den einfachsten Materialien und mit den geringsten Hilfsmittein Objekte, die sich dem Alltäglichen verweigern, das Denken des Betrachters vielmehr von einem zweckorientierten "Kosten-Nutzen"-Denken wegführen in die Region der reinen Form und des freien Denkens.
Dabei führt die Künstlerin ihr persönliches Denken und Fühlen, ihre Subjektivität und ihr Formempfinden ins Feld, ohne drohenden "pädagogischen Zeigefinger", sondern mit (Selbst-)lronie und Witz.

Ihre Objekte gewinnen damit eine spielerische Note, die gelegentlich durch die Titel der Kunstwerke zusätzlich akzentuiert wird.

Bei diesem Spielerischen handelt es sich aber nicht nur um einen Spaß oder ein Späßchen, sondern dieses Spielerische und Ironische ist Teil einer Strategie, die auf die Subversion unserer festgefahrenen Vorstellungen abzielt.

Dieses subversive Lachen ist zweifelsohne eine mögliche Strategie Hildegard Skowaschs; in dieser Subversion unserer Vorstellungen steckt zumindest ein Ziel ihrer ebenso gescheiten wie amüsanten Kunst. Aus der Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts ist dieses Prinzip der Subversion durch ein befreites Lachen, ein saures Lächeln oder ein breites Grinsen bereits bekannt; denn solche Reaktionen sind manchen Werken des Surrealisrnus, des Dadaismus und bis zu einem gewissen Grad auch des Verismus adäquat. Aber in Hildegard Skowaschs Arbeit gewinnt dies doch eine besondere und andere Note hinzu: In ihren Werken verbindet sich das beglückende Lächeln über einen geistreichen Einfall im literarischen Sinn mit der monumentalisierten Form, die ihrerseits durch die Wahl der Materialien und Farben wiederum ironisiert wird.

Die Künstlerin verunsichert mit ihren Obiekten den Betrachter zuerst ob seiner Wahrnehmung, verführt ihn dann zu einem Lächeln oder sogar zu einem Lachen darüber, wie er sich in seinem bisherigen Leben hatte festlegen lassen in seinen Vorstellungen davon, wie die Welt beschaffen sei. Auf diese Weise vereint Hildegard Skowasch in ihrem Werk die Maxime aller Klassischen Kunst: Erfreuen und Belehren.

Gerhard Finckh

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