Diwan

Installation im Garten, Schloss Wiepersdorf 2001

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Diwan“ von Hildegard Skowasch
Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf, 27. Mai 2001

„A fine romance“ – ich weiß nicht was Ihnen dazu einfällt; ich denke bei „A fine romance“ an Magazine für Braut-Accessoires, an Lore-Romane oder Life-Dokusoaps, wo junge Frauen in Kissen weinen und bei „Bitte melde dich“ oder „Nur die Liebe zählt“ enden. Ohne unromantisch oder allzu nüchtern erscheinen zu wollen: „A fine romance“ – da überzieht einen die Gänsehaut brutalen Kitsches. Im Kunst-Kontext klingt das deplaciert, bestenfalls sarkastisch.
„A fine romance“ heißt eine Plastik von Hildegard Skowasch aus dem Jahre 1996. Doch Form und Materialität konterkarieren den Titel zugleich. Es ist ein Kubus auf zwei pilasterartigen Beinen, der an eine überdimensionale Kommode erinnert. Eine Blümchentapete in Rosa, Blau und Gelb überzieht seine Oberfläche und aus rechteckigen Öffnungsschlitzen ragt grünes Gras, das sonst die Osterkörbe von Kindern ziert. Wie aus überfüllten Schubfächern quillt es aus dem Körper, versperrt die Sicht auf sein Innenleben und auf das, was sich dort verbirgt. Vielleicht handelt es sich ja nur um gut getarnte Schießscharten.
Die Plastik verdeutlicht Arbeitsprinzipien der Künstlerin und verweist zugleich auf einen Wendepunkt in ihrem Schaffen, der sich mit der neuen Serie von Kissen vollzieht. Wo früher das Vorgefundene, Industriegefertigtes die Arbeiten gegen den Strich bürstete, ihnen die Gefahr des Gefälligen mit Witz austrieb, hat die Bildhauerin für den „Diwan“ zu Pinsel und Palette gegriffen – und nicht in die „Gelbe Tonne“.
Die Arbeiten von Hildegard Skowasch erschließen sich nicht so leicht, wie sie auf den ersten Blick ob ihrer Leichtigkeit daherkommen. Spiel und Ernst, einfache Formen und Komplexität bilden ein fragiles Gleichgewicht – Ihr Reiz liegt gerade in diesen Polaritäten. Und um das romantische Rätsel zu lüften, ohne ein letztes Geheimnis preiszugeben: „A fine romance“ ist der Herstellername der Tapete, die Skowasch für ihre Plastik benutzt hat.

Hildegard Skowasch versieht ihre Arbeiten immer mal wieder mit gewagten Titeln und Konnotationen. Die Grenzgänge zwischen Banalität und künstlerischer Geste schweben dann „In geordneten Verhältnissen“ oder lassen schon mal „Das Normale verpassen“. Skowasch holt es uns zurück. Wie eine Alchimistin verwandelt sie das Normale zu eigenen Metaphern. Tand und Nippes, Abfall und Unrat der Gesellschaft – der ja letztlich kein anderer als unser eigener Müll ist – sammelt die Künstlerin und setzt ihn uns fein säuberlich am übervollen, satten Tisch im Kunstraum wieder vor. Vom Standpunkt einer individuellen Mythologie schlagen die Gebrauchs-Utensilien dann munter irritierende Wellen: Jogurtbecher, Nierentische, bunte Schnüre und kleine Metallrollen verdichten sich zu skurril-humorvollen Sinnstiftern.

Der Faden zwischen Alltags- und Kunstgegenstand ist labil. Das lehrt die Kunstgeschichte der Moderne von Marcel Duchamp bis Andy Warhol, von Kurt Schwitters bis Ilya Kabakov. In diesem Füllhorn transformierter Alltäglichkeiten und ad absurdum geführter Rationalität entdeckt Hildegard Skowasch mit ihrem „Diwan“ -Zyklus etwas, was fast in Vergessenheit geraten ist: den Moment schlichter, lebendiger Schönheit.
Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegeln sich facettenreich vom Expressionismus bis zu den performativen Envirements eines Jonathan Meese. Die Kunst hat sie ebenso wenig überwinden können wie die Politik; um uns herum wütet das institutionalisierte Grauen ebenso wie das individuelle – nicht zuletzt im Balkan Krieg haben die Katastrophen auch Europa bis dato nicht verlassen. Angesicht dieser nur wenigen Stunden entfernten Realität, aber auch im Hinblick auf das entlarvend Fragmentarische in der Kunst seit der klassischen Moderne, erscheint die Heiterkeit der Arbeiten von Hildegard Skowasch von einem kühnen Anachronismus.
In einem Gespräch über die Kissen-Serie gesteht die Künstlerin dann auch ihr Zögern und ihre Angst vor der Schönheit. Oscar Wilde lässt in „Das Bildnis des Dorian Gray“ Lord Henry sagen: “Ihr Gesicht ist von vollendeter Schönheit, Mr.Gray. Regen Sie sich nicht darüber auf. Es ist so. Schönheit ist eine Erscheinungsform des Genies, und sie ist sogar noch mehr als das Genie, da sie keines Beweises bedarf... Sie lässt sich nicht auf eine Formel bringen. Sie hat ein göttliches Recht auf Herrschaft... Sie lächeln darüber! Ach, wenn Sie sie erst verloren haben, werden Sie nicht mehr lächeln.“
Die Prophezeiung des zwielichtigen Lord Henry hat sich bewahrheitet. Wir lächeln nicht mehr! Und in den sogenannten schönen Künsten ist das Schöne heute kräftig verpönt. Abgedrängt in die Gefilde des schnöden Kunsthandwerks. Beheimatet allenfalls im Design, das die Schönheit arriviert auf den Markt der Eitelkeiten trägt – und von dort aus den Eroberungszug in die heiligen Hallen des Museums angetreten ist. Oscar Wilde resümierte: „Man hört zuweilen Schönheit sei nur etwas Oberflächliches. Das mag sein. Jedenfalls ist sie aber nicht so oberflächlich wie das Denken.“ Doch warum sollten Künstler das Schöne den Epigonen überlassen?
Skowaschs Arbeiten sind ein erster Schritt das Terrain der Sinnenfreude zurückzuerobern und der Erscheinungsform etwas Erhabenes zu verleihen, ohne an der schönen Oberfläche zu verharren. Hier vermittelt das Sichtbare unprätentiös den Weg zum Gedanken.

Wie erleben Künstler heute die Plastik? Wie nehmen wir als Betrachter Skulptur wahr? Und wie wirken diese Wahrnehmungen auf plastische Formen zurück? Die antikisierenden Statuen im Park von Schloss Wiepersdorf empfinden wir ganz eindeutig als gestaltete Bildwerke. Ihre Kontur, der solide Stein und nicht zuletzt der Sockel räumen jedweden Zweifel aus und verbürgen sie als Kunstwerke.
Wie verhalten sich inmitten dieser Statuen die Objekte von Hildegard Skowasch? Ihre Formgebung gehorcht einem Zufalls-Prinzip. Dennoch zielen sie klar auf das Gegenständliche, das Vertraute, das Erkennbare ab: Kissen in handelsüblichen Größen. Ihr Material ist der hehren Kunst – wie sie an diesem Ort romantisch-bürgerlicher Tradition auch heute noch zu atmen scheint – abhold. Die Kissen sind aus Papiermaché, also von leichtem Gewicht, starr, unedel und im ursprünglichsten Sinne des Wortes ephemer. Mit der Materialwahl des Papiermachés distanziert sich die Künstlerin von den Ewigkeitswerten ebenso wie vom alles überdauernden Künstler-Genius. Nicht zuletzt säumen die Objekte den Weg zu ebener Erde – und da behaupten sie sich keck zwischen den Sockeln des Tradierten.

Fast beiläufig vollzieht Hildegard Skowasch mit diesen Arbeiten einen Wandel durch die Kunst des 20. Jahrhunderts. Denn alles was die Überväter der Moderne dem Bildungsbürgertum als Zerrspiegel entgegenschleuderten, greift Skowasch auf, verwandelt es in sein Gegenteil und führt es – unter neuen Vorzeichen – den schönen Künsten wieder zu. So wie sich in „A fine romance“ eine Tapete – ein Ready-made - um die plastische Form legt, umhüllen kunstgeschichtliche Reminiszenzen diese Kissen. Dabei sind sie weit entfernt von den Farbkissen eines Gotthard Graubners, den installativen „12 Kissen“ von Rainer Ruthenbeck oder auch den „Soft Sculptures“ von Claes Oldenburg. Wie eine permeable, zweite Haut legt Skowasch Zitate der Malerei auf die unflexiblen, plastischen Körper. Keine Appropriationskunst, die allein das Kunstwerk als Kunstwerk thematisiert, Andeutungen, Erinnerungen vielmehr.
Bilder der Op-Art, Anklänge an die Farb-Ornamente einer Niki de Saint-Phalle und im kleinen Weißen blitzen Gedanken an Kasimir Malewitsch auf. Die Blumenblüten sind angelehnt an den Hintergrund, eine Tapete wiederum, in Picassos Frauenbildnis „Le Rêve“. Und wie in einem Traum möchten wir uns in die schönen Kissen und Muster fallen lassen, uns ausruhen und den Traum einer allumfassenden Schönheit wieder träumen. Der Diwan ist hierfür mehr als ein passendes Bild, zumal an diesem Ort. Denn so wie Goethes Gedichtzyklus Westliches und Östliches vereinte, findet heute auf Schloss Wiepersdorf – wie wohl überhaupt am ehesten in den Künsten – eine Grenzüberschreitung von Ost und West statt.
Die Abgeschiedenheit des Schlosses, die Bettine von Arnim flüchtete und erst in späten Jahren zu schätzen lernte, hat Hildegard Skowasch zu diesen neuen Arbeiten inspiriert. Aber wieder bewahrt uns der Titel vor leichtfertiger Gemütlichkeit. Das Sichtbare ist funktionslos, emblematisch. Der Schein trügt und die Hüllen sind hart. Denn wie man sich bettet so liegt man – es deckt keine Kunst einen zu. Aber vielleicht regt sie an, zu einem neuen Nachdenken über Schönheit.

Michaela Nolte

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